Montag, 20. November 2006

Suhrkamp

Jetzt zerreißt sich das Feuilleton wieder. Das ist ja auch ein gefundenes Fressen für die schreibende Zunft. Immer wenn bei Suhrkamp ein Mülleimer umfällt, gilt es die Feder zu spitzen. Diesmal scheint allerdings ein ganzer Laster umgekippt zu sein. Also braucht man ein paar mehr Federn. Wenn die gerade nicht zur Hand sind, wird halt abgeschrieben. So habe ich jetzt schon mehrfach in verschiedenen Gazetten, die nicht müde werden, die berühmten Autoren des Verlages aufzuzählen, lesen dürfen, daß Umberto Eco dazuzählt. Die Bücher, die ich von Eco gelesen habe, sind bei Hanser erschienen. Das ist ein anderer, auch sehr guter Verlag, in München beheimatet (Der Verleger des Hanser Verlags ist übrigens Suhrkamp Autor!).
Ich habe mir die Mühe gemacht, die aktuellen Bestsellerlisten zu studieren. Unter den Top 50 finden sich immerhin sieben Bücher, die im Suhrkamp Verlag erschienen sind. Natürlich mit Katharina Hacker, Die Habenichtse, an der Spitze der Belletristikliste (was mich freut, ist ein tolles Buch, und so gar nicht massenkompatibel. Und außerdem kommt mein Lieblingsitaliener in Berlin drin vor.). Dann geht es weiter mit der unerläßlichen Isabel Allende, Mein erfundenes Land. In der Sachbuchliste finden sich gleich drei Suhrkamp Autoren: Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, Thomas Friedman, Die Welt ist flach (sollte jeder, jede lesen, der,die sich z.B. mit solchen Sachen wie Blogs beschäftigt) und schließlich der Erfinder des Begriffs "Suhrkamp Kultur", George Steiner, Warum Denken traurig macht (Vielleicht nehmen deshalb so einige Feuilletonisten Abstand von dieser Tätigkeit). In den Taschenbuchlisten dann ein Megaseller, den der Insel Verlag, der ja bekanntlich zu Suhrkamp gehört, erst bekannt gemacht hat, Carlos Ruiz Zafón, Der Schatten des Windes. Davon soll Insel und Suhrkamp inzwischen weit über eine Million Exemplare verkauft haben (Wer`s noch nicht gelesen hat, sollte das nachholen. Es ist ja bald Weihnachten.). Und dann noch das großartige Buch von Amos Oz, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Bei meiner sonntäglichen Zeitunglektüre sind mir gestern gleich zwei große Artikel über Suhrkamp Autoren in`s Auge gefallen. Der Tagesspiegel aus Berlin hat in seiner gestrigen Sonntagsbeilage eine ganze Seite für Lily Brett, ihr neues Buch Chuzpe sowie die darin versammelten Klops Rezepte, freigemacht. Und in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung fand sich im Feuillleton ein über halbseitiges Interview mit Louis Begley, ebenfalls seit Jahren Suhrkamp Autor (Lügen in Zeiten des Krieges), von dem anscheinend demnächst ein neuer Roman zu erwarten ist, im Suhrkamp Verlag. Soviel zur angeblich mangelnden Substanz des Verlages!
Kein Wunder, wenn sich da bei einigen Hamburger Investoren, die sich anschicken die Welt zu retten und damit bei Suhrkamp anfangen wollen, Begehrlichkeiten regen. Für`s Image scheint der Verlag noch zu taugen. Sollen lieber den FC St. Pauli retten. Da gibt`s dann auch ein hübsches T-Shirt.

Dienstag, 14. November 2006

Scritti Politti hören

Ich mag keine elektronische Musik (ich mag Gitarren und Saxophone und handgemachte Klänge) und ich weiß fast nichts über Scritti Politti. Als die Band in den 80igern mal groß war, habe ich was anderes gehört, Jazz und so. Aber nicht Scritti Politti. Miles Davis hat die Band (ist das überhaupt eine Band?) mal als Gastmusiker geadelt (und welche Popband kann das schon von sich behaupten?). Als Jazzer ist das bei mir hängen geblieben, gleichwohl ich die Aufnahme wahrscheinlich nie gehört habe.
Neulich hat mir dann mein guter Freund HPunkt eine nackte Kopie zweifelhafter Herkunft in die Hand gedrückt (Hör dir das mal an!), Scritti Politti, White Bread, Black Beer (bei dem Frühstück wär ich gern dabei gewesen). Auf HPunkt ist Verlaß, in musikalischen Dingen und überhaupt.
Wieder zuhause, holte ich mir bei Amazon das Cover (ganz prima). Ich mag keine nackten CDs. Schlichtes Design, weiße Schrift auf braunem Grund. Sieht aus wie ein englisches Wirtshausschild, also einladend. Die CD war eingelegt, der Wein (nein, kein Guiness) offen, das Glas gefüllt und ich drückte die Starttaste.
Das erste Stück, The Boom Boom Bap. Sanfte, sparsame elektronische Klänge, ein unglaublicher Gesang, und ich hatte die Beach Boys im Ohr, und Simon and Garfunkel, und Robert Wyatt, und Sonic Youth. Wieso Sonic Youth? Keine Ahnung, aber ich komm noch drauf.
Das also ist Scritti Politti, das ist elektronische Musik und ich war hinundweg. Wer kann solche Melodien schreiben, wer kann so singen? [Mittlerweile weiß ich es, der Mann heißt Green Gartside] Der Straßenlärm war vergessen, die ganze Welt dazu. Wie konnte ich diese Band (die ja keine Band ist) all die Jahre überhört haben? Wahrscheinlich weil sie so still sind. Heutzutage muß man die Stille suchen.
Und das alles ohne Gitarren: Na ja, nicht ganz. Im dritten Stück, Snow In Sun, ist sehr dezent eine akustische zu hören. Und im zehnten Titel, dem wunderbaren Window Wide Open, erklingt sogar ein kleines, feines Solo, auf `ner richtigen E-Gitarre. Im sechsten Stück, Dr. Abernathy, klingen sie sogar wie `ne richtige Rockband, ebenso im letzten, Robin Hood. Aber nur kurz.
Es wird gesungen, also gibt es Texte. Gesungene Texte interessieren mich nicht. Wenn ich einen Text will, lese ich ein Buch. Wörter in der Musik sind für mich Klang, sie müssen klingen und singbar sein. Also achte ich auch nicht auf den Text auf White Bread, Black Beer. Dennoch ist mir ein tröstlicher Satz aufgefallen, im siebten Stück, After Six (schöner Titel für ein siebtes Stück), "Jesus, keep Your Love away from me. Jesus, keep Your hands, where I can see." Der muß sich ja auch nicht überall einmischen.
Auf diesem Album sind vierzehn Kleinode versammelt, die man sich dringend allein anhören sollte. Eventuell Anwesende sind gehalten, für die nächsten einundfünfzig Minuten und siebenundzwanzig Sekunden die Klappe zu halten. Diese Musik duldet keine Störung. Und nach dem letzten Stück hat man eine Ahnung davon, was Glück sein kann. Scritti Politti hat eines der großartigsten Pop Alben abgeliefert, das mir in den letzten Jahren untergekommen ist und von dreiundachtzig zu vergebenden Punkten würde ich hier glatt achtundsiebzig verteilen. Das ist doch was! Und wieso ich beim Hören an Sonic Youth denken muß, darauf komme ich auch noch.

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