Mittwoch, 25. November 2009

Wenn man mal nach Stuttgart fährt.

Es gibt nur wenige Gründe, nach Stuttgart zu fahren. Der VfB ist keiner mehr und die Kickers ohnehin nicht, es sei denn, man ist VfB- oder Kickers-Fan. Das soll es ja geben. Mein Grund hieß Joe Bauer.
Joe hieß noch Joachim (Freunde nannten ihn „Dandy“), als wir vor über vierzig Jahren gemeinsam die Schulbank in Schwäbisch Gmünd drückten. Ich öfter als er. Joe war schon Rock`n Roller bevor ich wusste, was Rock`n Roll überhaupt ist. Er hatte lange Haare, als ich noch mit Fasson rumlaufen musste und mit 15 Jahren war er bereits DJ in der angesagtesten Disco nördlich der Alb. Man musste 16 sein, um dort eingelassen zu werden. Hin und wieder saß er auch am Schlagzeug einer lokalen Band, die sich „The Crossroad“ nannte.
Ich zog dann nach Berlin. Joe ist geblieben, nicht in Schwäbisch Gmünd, aber im Schwabenland. Er ging nach Stuttgart und heuerte bei den Stuttgarter Nachrichten an. Da ist er heute noch und Stuttgart kann sich glücklich schätzen.
Joe ist Journalist, war es damals schon. Gemeinsam mit anderen war er verantwortlich für eine skandalträchtige Schülerzeitung namens „Pappa Dadda“, deren Vertrieb auf dem Schulgelände streng untersagt war.
Seiner Selbstbeschreibung nach ist Bauer „Berufsspaziergänger“, er fühlt sich also einer aussterbenden Spezies verbunden, dem Flaneur. Wikipedia vermerkt folgendes über den Flaneur:
„Der Flaneur bezeichnet eine literarische Figur, die durch Straßen und Passagen der Großstädte mit ihrer anonymen Menschenmasse streift (flaniert). Hier bietet sich ihm Stoff zur Reflexion und Erzählung. Der Flaneur lässt sich durch die Menge treiben, schwimmt mit dem Strom, hält nicht inne, grüßt andere Flaneure obenhin. Der Flaneur ist intellektuell und gewinnt seine Reflexionen aus kleinen Beobachtungen...“
Die Ergebnisse dieser Reflexionen und Beobachtungen kann man regelmäßig in Bauers Glossen in den Stuttgarter Nachrichten nachlesen, oder in den regelmäßigen Depeschen auf seiner Website. Eine repräsentative Auswahl dieser Texte ist in einem schönen Band versammelt, „Schwaben, Schwafler, Ehrenmänner“, erschienen im Berliner Verlag Edition Tiamat.
Die Präsentation des Buches sollte im Stuttgarter Theaterhaus stattfinden. Der Saal war mit 400 Besuchern ausverkauft. In Stuttgart ist Joe Bauer weltberühmt. Die Gäste erwartete keine schlichte Lesung sondern eine Show und die heißt „Joe Bauers Flaneursalon“. Damit tingelt er in wechselnden Besetzungen durch Stuttgart und die angrenzenden Gemeinden. Und das schon seit über zehn Jahren. Im Theaterhaus erwartete die Besucher ein Flaneursalon in voller Fußballmannschaftsstärke.
Moderiert wurde der Abend vom begnadeten Entertainer Michael Gaedt. Für die Musik sorgten der Tänzer und Singer-Songwriter Eric Gauthier, die Soulsängerin Dacia Bridges sowie Roland Baisch mit seiner wunderbaren Band, die Country so spielte, als sei Nashville ein Vorort von Stuttgart. Zwischendrin las Bauer seine bissigen, satirischen und nachdenklichen Texte. Nach einer Pause und drei Stunden war der sehr kurzweilige Abend vorbei und ich hatte eine Ahnung von Stuttgart.
Der Verleger Klaus Bittermann, eigens aus Berlin angereist, freute sich über einen, so bislang noch nicht erlebten, Buchverkauf.
Der Abend endete in einem nahegelegenen Restaurant. Neben mir saß ein grauhaariger Mann. Er trug eine Lederweste mit der Aufschrift „Hells Angels Stuttgart“, vorne stand „President“. Aus Erzählungen Joes wusste ich, das war der Fotograf Lutz Schelhorn. Ich hatte im Internet ein paar Fotos von ihm gesehen. Zusammen mit dem Künstler Stefan Mellmann verantwortet Schelhorn die eindringlichste Gedenkstätte an die Vernichtung der Juden im „Dritten Reich“, die mir bekannt ist. Am Stuttgarter Nordbahnhof, von dort wurden die Stuttgarter Juden in die Vernichtungslager deportiert, vergruben Mellmann und Schelhorn dreissig ausgewählte Dias in die leidgetränkte Erde, um dieses Leid sichtbar zu machen. Vorher hatte Schelhorn das Gelände in über 1000 Fotos festgehalten, aus denen die dreissig Motive ausgewählt wurden. Die Ergebnisse dieses Prozesses sind seit zwei Jahren unter dem treffenden Titel „Die Chemie der Erinnerung“ auf 30 großformatigen Fotos in einer Dauerausstellung auf dem Gelände am ehemaligen Stuttgarter Nordbahnhof zu sehen. Joe Bauer hielt seinerzeit die Eröffnungsrede zur Ausstellung. Diese Rede ist in seinem Buch nachzulesen.
Am nächsten Tag besuchten wir Schelhorn in seinem Atelier, vis à vis des Stuttgarter Hauptbahnhofs, jenem Baudenkmal, das ab nächstem Jahr einem größenwahnsinnigen Projekts namens "Stuttgart 21" zumindest teilweise zum Opfer fallen soll. Schelhorn bot Kaffee und Zigaretten an, seine Tochter, die bei ihrem Vater eine Ausbildung absolviert, servierte. Und er erzählte von seinem nächsten Projekt, eben jenem Bahnhof, den er von seinem Atelierfenster aus jeden Tag sieht. Mit seiner großformatigen Kamera lichtet er in Schwarz-Weiß den Bahnhof aus jeder erdenklichen Perspektive ab. Damit führt er uns auch in Räume, die uns Reisenden normalerweise nicht zugänglich sind. Ein Spiel mit Licht und Schatten, Architektur und Menschen. Der Titel dieses Projekts lautet „Hauptbahnhof Stuttgart vor 21“. Am Computer zeigte er uns einige sehr beeindruckende Ergebnisse dieser monatelangen Arbeit. Seine Tochter checkte derweil ihr Facebook Profil und ich fühlte mich wohl.
Zum Abschied schenkte mir Schelhorn einen Katalog zu „Die Chemie der Erinnerung“ und ich wusste, mein mediengeprägtes Bild über Hells Angels bedurfte dringend einer Revision.
Joe und ich machten uns auf den Weg, die „Chemie der Erinnerung“ in natura zu sehen. Von der Gegend, in der wir aus der Bahn stiegen, behauptete Joe, dort lebten keine Deutschen. Er fand den Weg nicht auf Anhieb und fragte eine Gruppe Jugendlicher mit Bierflaschen in der Hand. Es war nicht mehr weit und bald standen wir in einem unwirklichen Niemandsland unweit eines Schrottplatzes. Hier war also der Ort des Schreckens, Standort der offiziellen Stuttgarter Gedenkstätte für die Opfer des Naziregimes, der ehemalige Stuttgarter Nordbahnhof. Wir waren die einzigen Besucher an diesem Freitagmittag. Ich wunderte mich über fehlende Spuren von Vandalismus an „Die Chemie der Erinnerung“. Joe meinte lapidar: Würdest du was kaputtmachen, was einem Hells Angel gehört?
Er führte mich weiter durch seine Stadt, vorbei an den „Wagenhallen“, unweit des Nordbahnhofs, die heute für Konzerte und Partys genutzt werden. Von einer Eisenbahnbrücke aus blickten wir auf alte Wagons, aus deren kleinen Schornsteinen es qualmte. Künstler hatten sich dort einquartiert. Diese städtischen Freiräume hat Stuttgart also auch zu bieten, noch.
Zum Abschluß meiner kurzen Reise besuchten wir das neue Stuttgarter Kunstmuseum, das eine sehr sehenswerte Sammlung lokaler Künstler sein Eigen nennt, Otto Dix und Willi Baumeister zum Beispiel. Die aktuelle Ausstellung war Adolf Hölzel gewidmet, dem „Erfinder“ abstrakter Malerei. Dieser Glaswürfel ist ein städtebauliches und architektonisches Highlight. Von Oben blickt man auf eine Eisbahn und Bratwurstbuden, die den Schlossplatz verschandeln. Aber das sind Themen für den „Berufsspaziergänger“ Joe Bauer.
Am Bahnhof verabschiedeten wir uns. Keine 24 Stunden verbrachte ich in Stuttgart und fuhr mit dem Gefühl, hinter die Kulissen einer Stadt geschaut zu haben.
Joe blieb und bereitete sich auf das nächste Spiel seines Vereins vor, den Stuttgarter Kickers. Stuttgart hat Joe Bauer leidensfähig gemacht.

Mittwoch, 12. August 2009

T-Shirts

Bedruckte T-Shirts gehen gar nicht mehr, sind total uncool. Viele wollen nach New York, andere nach Bornheim. Etliche waren bei einem Popkonzert aber die meisten machen Werbung, und zahlen dafür. Und der milchgesichtige Junge in seinem Thor Steinar Hemdchen wusste vielleicht gar nicht, was er da trug.

Samstag, 6. Juni 2009

Der Jaja

Jeden Freitag, pünktlich um 18 Uhr 45, betritt der Jaja das Klabunt. Ich sitze am Tresen, trinke mein Wochenendbier und der Jaja setzt sich ebenfalls an den Tresen. Er tut dies nicht meinetwegen, er weiß gar nicht wer ich bin oder wie ich heiße. Es weiß auch niemand, wie der Jaja heißt.
Aber der Jaja weiß wie der Wirt heißt.
„Der Andreas soll ma widder runner komme“, so sprach der Jaja heute. „Runner“ ist ein Ort, an dem es einen Thomas gibt.
„Grüße vom Thomas, gell!“
Der Jaja ist Handlungsreisender in Sachen Grußübermittlung, ein Grußhausierer. Unverlangt, zuverlässig und pünktlich trägt er Grüße von oben nach unten und von unten nach oben. Jeden Freitag überbringt er Grüße vom Thomas für den Andreas. Die durchdringende Stimme, mit der er dies tut, steht in seltsamem Kontrast zu seiner traurigen Gestalt.
Der Jaja ist ein dünner Mann unbestimmten Alters, mit schütterem Haar und einer silberfarbenen Kassenbrille. Sommers trägt er eine kurze helle Stoffhose, die ehemals eine lange, sicher noch hellere Stoffhose war, sowie ein T-Shirt, das vor vielen Jahren mal neu war. Die kurze Hose offenbart dünne, krampfadrige Beine, die in Turnschuhen stecken. Was sich in dem Stoffbeutel befindet, den er stets bei sich trägt, weiß nur er alleine.
Den Namen der Wirtin des Klabunt kann sich der Jaja nicht merken. Sie ist schlicht „die Scheffin“.
„Scheffin, isch trink heut ma `n Kaffee.“ Das ist nicht überraschend, der Jaja trinkt immer Kaffee, niemals Alkohol. Stets verlangt er auch nach mehr als dem einen, zum Kaffee gereichten, Keks. Es entgeht es ihm dann auch nicht, wenn plötzlich, von Freitag zu Freitag, die Kekssorte gewechselt wurde.
„Des sinn aber annere als letztes Ma. Klaaner sinn se auch. Schmegge tun se abber genauso.“ So sitzt er dann zufrieden mit seinem Kaffee und seinen vier Keksen am Tresen und gibt hin und wieder ein deutlich vernehmbares „ja, ja“ von sich. So kam der Jaja zu seinem Namen.
Der Unterschied zwischen einem Profigrüßer wie dem Jaja und einem Amateur wie mir liegt auf der Hand. Der Profi lässt sich seine Dienste bezahlen.
„Scheffin, gibste mer ma zwei Euro!“
Das Klabunt ist auf diese freitägliche Forderung vorbereitet. Auf der Zapfanlage steht ein Puppenstubenbembel. Darin landet all das „rote Geld“, die Ein-, Zwei- und Fünfcentmünzen, die seltsamerweise auch in einem Wirtshaus anfallen. Manchmal verirrt sich auch eine größere Münze in den winzigen Bembel. Nach einem groben Überblick über den Ertrag stopft sich der Jaja zufrieden die handvoll Münzen in die Hosentasche und verlässt nach zwanzig Minuten das Lokal, nicht ohne die Ermahnung, der Andreas solle mal wieder runner komme. Der Kaffee und die Kekse gehen aufs Haus. Wie jeden Freitag.
Niemals käme der Jaja auf die Idee, an einem anderen Tag als dem Freitag die Grüße vom Thomas zu überbringen. Ich habe ihn schon an anderen Tagen am Klabunt vorbeigehen sehen. Nie hatte er auch nur einen Blick für das Wirtshaus übrig. Unbeirrt zog er seines Wegs.
Gerne wüsste ich wie viel Grüße der Jaja wöchentlich so übermittelt und wer die jeweiligen Absender und Empfänger sind. Manchmal sehe ich ihn, wie er das „China Bistro Fröhlich“ gegenüber vom Klabunt betritt. Wen grüßt er dort und von wem? Die Entlohnung dürfte aber auch im „China Bistro Fröhlich“ die selbe sein, zwei Euro, eine Tasse Kaffee und vier Kekse, so das „China Bistro Fröhlich“ Kekse zum Kaffee reicht. Vielleicht gibt es auch chinesische Glückskekse.
Auch ist mir nicht bekannt wann der Jaja beim Thomas die Grüße für den Andreas abholt. Aber wahrscheinlich erfolgt die Übergabe folgendermaßen:
„Der Thomas soll ma widder nuff komme. Grüße vom Andreas, gell!“

Donnerstag, 4. Juni 2009

Im Speisewagen

Neulich im ICE. Der Zug war voll, ich hatte keine Platzkarte und setzte mich gleich in den Speisewagen. In Aschaffenburg stieg ein Mann zu, setzte sich an einen Nachbartisch. Die Schaffnerin kam, der Mann hatte keinen Fahrschein:
„ich muß nachlösen aber ab hanau ich bin schon von hanau nach aschaffenburg mit dem regionalexpress gefahren schwarz unabsichtlich ich wollte keine stunde warten und wußte nicht dass man im regionalexpress keine fahrkarten kaufen kann ich fahre ja nur ice sie können auch ab hanau ice durchbuchen das ist mir egal ich bin ja nicht besonders christlich aber unehrlichkeit kann ich nicht leiden.“
Er bestellte dann ein Cola-Bier.

Rolltreppe

Neulich im Hauptbahnhof. An der Rolltreppe bildetet sich ein kleiner Stau mt Reisenden. Zwischen ihnen ein mitteilungsfreudiger Mann ohne Gepäck. Er ließ einem Anderen mit Rollkoffer den Vortritt. Dieser bedankte sich. Darauf der Mann: „Isch hab Zeit. Ob isch die Rolltrepp nehm oder die nächst, is egal.“

Montag, 25. Mai 2009

Giveaways

Neulich, als ich mir ein neues Uhrenarmband kaufte, wurde mir beim Bezahlen ein Exemplar der Zeitschrift „Freundin“ überreicht. Ich nahm es dankend und entsorgte es zu hause.

Einige Tage später, ich hatte mir eine neue Jeansjacke gekauft, wurde mir beim Bezahlen eine Handvoll Body-Lotion in die Hand gedrückt, Body-Lotion für Frauen. Die habe ich noch.

Einige Tage später war ich in dem selben Laden, in dem ich das Uhrenarmband gekauft hatte, um eine neue Batterie in eine Uhr einbauen zu lassen. Das wieder angebotene Exemplar der Zeitschrift „Freundin“ lehnte ich dieses Mal ab.

Samstag, 27. Dezember 2008

Nachweihnachtsgedanken

Das Schöne an Weihnachten ist, dass man wieder Radio hören kann, wenn es vorbei ist. Es sei denn, man wohnt im Einflussbereich des Hessischen Rundfunks; den kann man nie hören. Und jetzt wurde beim HR auch noch „Der Ball ist rund“ abgewickelt. Soll eine gute Musiksendung gewesen sein. Ich habe sie nie gehört, weil ich den Hessischen Rundfunk erst gar nicht in meine Programmliste aufgenommen habe.
Heute ist der zweite Weihnachtsfeiertag, es flaut also ab. Was im Radio läuft, weiß ich nicht. Ich höre John Zorn, The Dreamers. Eigentlich auch eine schöne Weihnachtsplatte, wenngleich John Zorn sicher nicht auf die Idee käme, eine Weihnachtsplatte aufzunehmen, obwohl man ihm wahrlich alles zutrauen kann.
Ich besitze tatsächlich auch eine Weihnachts-CD, Chet Baker, Silent Night. Wurde mir mal, mitten im Sommer, von einer Freundin geschenkt. Eigentlich ist sie ganz nett, also die Freundin. Dieses Jahr habe ich sie nicht mitgenommen zu meinen Eltern, also die CD. Nicht um meine Eltern zu schonen (sie haben die 80 schon überschritten und wurden ein bisschen nervös, als ich erstmals zu Weihnachten die Chet Baker CD auflegte), sondern weil mein Bruder sich letztes Jahr zur gleichen Zeit eine Kopie davon gemacht hat. Er hatte sie dabei, aber der CD-Spieler meiner Eltern (Yamaha) wollte sie nicht erkennen und daher auch nicht abspielen. Aber wir mussten natürlich nicht ohne Weihnachtsmusik auskommen. Mein Vater besitzt selbstverständlich eine CD mit Weihnachtsliedern. Klassische Lieder in einer klassischen Interpretation, mit Männerchor und Orchester und allem was dazu gehört. Das war schön. Er bevorzugte „Oh, Du Fröhliche“, mir ist „Stille Nacht“ lieber. Vielleicht auch wegen Chet Baker.
Jeder Hansel, der ein Mikrophon, eine Gitarre, oder sonst ein Instrument, halten kann, nimmt eine Weihnachtsplatte auf, alle Jahre wieder. Das Zeug wird dann ab Anfang Oktober rauf und runter gedudelt. Selbst der olle Elvis wurde reanimiert. Ihm wurden irgendwelche Hupfdohlen an die Seite gestellt, um mit dem Untoten Weihnachtslieder zu singen. Ich habe ein oder zwei davon gehört, es war das Grauen. Ich finde ja Elvis alleine schon grausam genug, aber das haute dem Baum die Spitze weg. Wenigstens Sonic Youth hat noch nie eine Weihnachtsplatte aufgenommen.
Nein, ich habe außer Chet Baker noch ein Weihnachtslied im Regal. John Lennons „Oh This Is Christmas“. Aber nicht mal das habe ich mir angetan, obwohl es ja schon ein schönes Liedchen ist. Aber es gibt bessere Weihnachtslieder von John Lennon. Sie heißen „Give Peace A Chance“ und „Imagine“. Wäre ich über Weihnachten in New York gewesen, ich hätte am John Lennon Memorial „Strawberry Fields“ im Central Park eine Kerze angezündet.
Statt dessen hocke ich zu hause und sinniere, ob dieses Weihnachten anders war als die anderen Weihnachten. Das traditionelle Weihnachtsessen am 24.12., gepökelte Rinderzunge mit Kartoffelsalat war gut, sehr gut sogar. Besser als letztes Jahr. Und die Kekse meiner Mutter waren auch wieder vom Feinsten. Es gab sogar einen richtigen, kleinen, lebendigen Weihnachtsbaum. Im Topf, mit Wurzeln und Erde und richtigen Kerzen. Gut, wir hatten keinen Chet Baker, aber dafür Männerchöre. Und ich habe John Zorn, The Dreamers. Träumen ist was Feines zu Weihnachten. Besonders wenn dieses Träumen von einem der besten Gitarristen der Welt begleitet wird, Marc Ribot. Aber der ist nun mal Jude wie John Zorn auch. Man sollte zur Weihnachtszeit am besten Musik hören von Leuten, die mit Weihnachten nichts am Hut haben, Juden z. B., oder Moslems oder Hindus, oder Atheisten. Solche Musik kann man noch für ein paar Tage auf „Radio Multikulti“ vom RBB hören. Aber ab dem 1. Januar 2009 ist auch damit Schluß. Wir müssen also wieder Elvis ausbuddeln.
Dennoch gibt es eine gute Nachricht für das neue Jahr, und das will in diesen Tagen etwas heißen. 2009 erscheint eine neue CD von My Brightest Diamond. Das können sie sich ja schon mal auf den Wunschzettel für Weihnachten 2009 schreiben. Denn das kommt sicher wieder so überraschend wie jedes Jahr.
ALLES GUTE FÜR 2009!

Dienstag, 7. Oktober 2008

My Brightest Diamond

Shara Worden – Eine Hommage

Die Musikerin steht in einem hell erleuchteten Raum vor einem Mikrophon, zwei Glasschränke mit Büchern hinter ihr an der Wand. Sie trägt ein rotes T-Shirt mit dem weißen Schriftzug „I read Pierre Bourdieu“. Eine halbakustische Gitarre umgehängt, sagt sie ungefähr Folgendes: „Mein Name ist Shara, ich komme aus Brooklyn, New York. Ich habe eine Band, die heißt My Brightest Diamond. Manchmal besteht die Band aus einem Streichquartett und einem Drummer. Manchmal nur aus einem Streichquartett, manchmal nur aus einem Drummer und manchmal auch nur aus mir.“
Bevor Shara Worden als My Brightest Diamond unterwegs war, leitete sie eine Band namens Awry. Mit Awry veröffentlichte sie zwei CDs. Die erste, selbstbetitelte, ist nur schwer zu kriegen und die zweite, mit dem koketten Titel The Quiet B-Sides, wurde unlängst wiederveröffentlicht. Sie ist bei abgelegenen Versandhändlern verfügbar. Die MySpace Seite von Awry gibt hierüber Auskunft. The Quiet B-Sides ist eine spröde, zerbrechlich klingende Platte, die durchaus ihren Zauber hat. Kein Baß, kein Schlagzeug. Nur die Gitarre von Shara Worden und hin und wieder ein gezupftes Cello. Ein billiges Keyboard ist auch ab und an zu vernehmen. Auf dem französisch gesungenen Youkali erklingt ein Akkordeon, von ihr selbst gespielt. Und natürlich die wunderbare Stimme Shara Wordens. Es ist ein Album, auf dem sie ihren Weg sucht. Aber schon hier lässt sie ihre Fähigkeit erahnen, wunderbare, eingängige Melodien zu schreiben.
Shara Worden ist in einer Musikerfamilie aufgewachsen. Ihr Vater ist ein mehrfach ausgezeichneter Akkordeonspieler, ihre Mutter klassische Organistin. Shara selbst sang schon früh in einem Kirchenchor. Später studierte sie klassischen Gesang und nennt heute ein Diplom als Opernsängerin ihr eigen
Wenn über Shara Worden geschrieben oder gesprochen wird, fallen regelmäßig die Namen Kate Bush, Beth Gibbons und P.J. Harvey. Diese Vergleiche sind so überflüssig, wie richtig und falsch. Mit Vergleichen wird man Shara Worden nicht gerecht, sie ist sehr eigen und sehr einmalig. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass sie die genannten Musikerinnen durchaus schätzt.
2006 erschien dann das erste Album unter dem Namen My Brightest Diamond, Bring me the Workhorse. Hier ist das ausformuliert, was mit Awry nur angedeutet war. Ein kammermusikalischer Ansatz in der zeitgenössischen, populären Musik. Die Streicher spielen keine untergeordnete Rolle mehr sondern sind unverzichtbarer Teil von Shara Wordens Konzept. Sie liebt den Kontrast zwischen Streichern, Schlagzeug und elektrischer Gitarre. Per Zeitungsanzeige suchte sie die Streicher für diese Aufnahme. Es sollten Musiker sein, die sowohl Pierre Boulez als auch P.J. Harvey hörten. Diese beiden Pole stecken den Horizont ab, in dem sie sich bewegt. Das Album ist voll von Balladen, manchmal elegisch, oft kraftvoll und von einer schier unglaublichen Musikalität. Ihre kompositorischen Qualitäten stehen ihren stimmlichen in nichts nach. Auf Freak Out zeigt sie, dass sie es auch versteht, herrlichen Krach zu veranstalten. Hin und wieder zersägt sie auch mit ihrer aggressiv gespielten Gitarre die sanften Klänge des Streichquartetts. Manche ihrer Songs sind durchaus auch in einer Fassung von Sonic Youth mit der Stimme von Kim Gordon vorstellbar.
Shara Worden verschickte die Songs von Bring me the Workhorse an diverse DJs, verbunden mit der Bitte, die Titel zu bearbeiten. Heraus kamen dreizehn Remixtracks, die 2007 unter dem Titel Tear it Down erschienen sind. Die Clubversion von Bring me the Workhorse sozusagen. Viele dieser Remixe sind sehr gelungen. Dennoch, mir ist My Brightest Diamond pur lieber.
Bevor Bring me the Workhorse erschien, war Shara Worden Mitglied der Band von Sufjan Stevens, auf dessen Label Asthmatic Kitty auch die Alben von My Brightest Diamond erscheinen. Sie stand u. a. auch mit den Decemberists und The National auf der Bühne.
In diesem Jahr erschien ihr aktuelles Werk, A Thousand Shark`s Teeth, auf dem auch ihr Vater am Akkordeon zu hören ist. Als Einflüsse für dieses Album nennt sie Tricky, Ravel, Tom Waits, den deutschen Maler Anselm Kiefer sowie Alice im Wunderland. Es geht hier also zugleich verspielt, leicht und bedeutungsvoll zu.
Der erste Song der Platte, Inside a Boy, ist ein fast schon rockiger Ohrwurm. Ein wundervoller Einstieg. Es gibt keinen Ausfall auf dieser CD, jeder Song hat Qualität und zeugt von der musikalischen Meisterschaft Shara Wordens. A Thousand Shark`s Teeth ist ein kammermusikalisches Popwunder.
Die Beschäftigung mit der Oper zeigt sich in ihrer Vorliebe für ausgefallene Kostüme, mit denen sie manchmal auf der Bühne steht. Es kann auch vorkommen, dass Shara Worden ihre Shows mit Zaubertricks und Schattenspielen auflockert.
Auf den beiden Alben finden sich keine Coverversionen. Live spielt sie aber gerne eigene Versionen von Songs anderer Musikerinnen und Musikern. Vor allem immer wieder die von Edith Piaf, aber auch Nina Simone, Roy Orbison und Bill Withers. Etliche Videos legen davon Zeugnis ab.
Seit dem 23. September gibt eine neue EP von My Brightest Diamond, From the Top of the World. Diese EP, mit vier Stücken, gibt es allerdings nur bei iTunes als Download. Es bleibt die Hoffnung, das diese vier Songs möglicherweise Bestandteil eines neuen Albums sein könnten. Auf dieser EP sind dann auch Coversongs zu finden, natürlich von Edith Piaf, aber auch von Kurt Weill.
Ich warte allerdings auf etwas ganz anderes, nämlich ein Soloalbum von My Brightest Diamond. Etliche Youtube Videos belegen welch enorme musikalische Ausdruckskraft sie auch ohne Streicher und Band hat, nur mit ihrer Stimme und ihrer Gitarre.
Bis dahin folge ich gerne ihrem Satz „Come and fly away with me“. Das geht auch vom heimischen Sofa aus.

Mittwoch, 4. Juni 2008

Bye Bye SUV

Eine schöne Vision verbirgt sich hinter diesem Link
Möge sie sich schnell bewahrheiten und diese peinlichen Bürgerkriegsautos von unseren Straßen und aus unseren Städten verschwinden.

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Zuletzt aktualisiert: 3. Aug, 18:22

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